In den USA ist die Zahl der Fälle von schwarzem Hautkrebs bei jüngeren Frauen (15 bis 39 Jahre) in den vergangenen Jahren seit 1980 um 50 Prozent gestiegen. Das ergab eine Sonderauswertung der US-Krebsstatistiken (SEER) durch eine Gruppe von Medizinstatistikern des National Cancer Institutes in Maryland, USA

Bei den gleichaltrigen Männern dagegen blieb der Anteil über all die Jahre unverändert.

Die Gründe für dieses Phänomen wurden nicht untersucht. Das hinderte den Studienleiter, Dr. Mark Purdue, allerdings nicht, sich in Gesprächen mit den Medien in kuriosesten Spekulationen zu ergehen:

Wahrscheinlich, so Purdue,  sei das veränderte Freizeitverhalten und inbesondere die sprunghaft gestiegene Nutzung von Solarien für diesen erschreckenden Anstieg verantwortlich. Bei den Männern wisse man halt nicht, warum es hier keine Steigerung gegeben habe.  Die legten sich ja vermutlich auch kaum auf Sonnenbänke.

Der Wissenschaftler übersah dabei geflissentlich, dass

  • der steilste Anstieg der Melanom-Fälle in der ebenfalls erfassten Zeit zwischen 1973 und 1980 passierte – damals gab es noch keine Sonnenbänke! (s. nebenstehende Graphik)
  • das Freizeitverhalten von US-Mädchen und jungen Frauen sich nicht anders entwickelt hat als das der jungen Männer, den Unterschied in der Zahl der Melanom-Erkrankungen also keinesfalls begründen kann,
  • Umfang und Intensität der Beschäftigung Jugendlicher im Freien an der Sonne in den letzten Jahren eher deutlich abgenommen hat, wie zahlreiche Studien zum Freizeitverhalten Jugendlicher zeigen. Inzwischen sind die Jugendlichen die Altersgruppe mit den höchsten Vitamin D-Defiziten aufgrund von Sonnenmangel,
  • der Anteil der jungen Frauen in den USA, die ein Solarium nutzen, zwar in den Jahren zwischen 1980 und 1994 von 1 auf 24 Prozent (gelegentliche oder regelmäßige Nutzung) gestiegen , seither aber unverändert geblieben ist,
  • die jungen Männer inzwischen fast ein Drittel der Solariennutzer stellen, was sich dann entsprechend in den Melanom-Fällen widerspiegeln müsste,
  • in anderen Ländern, z.B. Dänemark, kein Unterschied in der Entwicklung/Anstieg der Melanom-Fälle zwischen Frauen und Männern auftritt, was genau zu der umgekehrten Argumentation führt, dass die Solariennutzung hier keine Rolle spielen könne.
Entwicklung 1980-2004 in Deutschland bei Männer und Frauen bis 34 Jahren

Entwicklung 1980-2004 in Deutschland bei Männer und Frauen bis 34 Jahren

Ähnliche reflexartige Verdächtigungen ohne jede Basis in der Wirklichkeit werden auch in Deutschland häufig an die hier ebenfalls bedenklichen Melanom-Statistiken geknüpft.

Tatsächlich geben die Daten mindestens ebenso viel Anlass, die Gründe eben nicht oder nur sehr eingeschränkt im Genuß von Sonne und UV-Strahlen zu suchen, wie ausgerechnet und ausschließlich Sonne und Solarien für die in der Tat erschreckende Entwicklung verantwortlich zu machen.

Der schwarze Hautkrebs und die Erforschung der Gründe für seinen Vormarsch in fast allen Ländern der Erde (auch und gerade bei solchen, in denen Solarien so gut wie unbekannt sind) ist zu wichtig, um sie den Vorurteilen spekulierender Statistiker und Anti-Solarien-Kreuzzügler zu überlassen.

Quelle: Washington Post

Studien:
Mark P Purdue et al., Recent Trends in Incidence of Cutaneous Melanoma among US Caucasian Young Adults, Journal of Investigative Dermatology, vorab online July 2008

June K. Robinson et al., Indoor Tanning Knowledge, Attitudes, and Behavior Among Young Adults From 1988-2007,  Archives of  Dermatology, 2008;144(4):484-488

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