Regelmäßig erschrecken Dermatologen und Krebshilfe die Menschen mit neuen Horrormeldungen über eine wachsende Melanom- (“schwarzer” Hautkrebs) Epidemie.  Und wenn dann der Schreck groß genug ist, dann nennen sie auch die Verantwortlichen für diese Katastrophe: Sonne und Solarien.

Tatsächlich aber ist das Argument auf beiden Seiten falsch – bei der Katastrophe und den Schuldigen gleichermassen.

Dass die gern zitierten 90 Prozent “Schuld” der UV-Strahlen am “schwarzen” Hautkrebs durch nichts belegt ist und einfach mal testweise in den Raum gestellt wird, ist für Fachleute leicht, für das breite Publikum und leider auch für die meisten Medien nur sehr schwer erkennbar.

Komplizierter schon die Widerlegung der Behauptung, der “schwarze” Hautkrebs breite sich – durch die Nutzung von Sonnenbänken ständig beschleunigt – epidemisch aus. Denn tatsächlich weisen die offiziellen Statistiken weltweit einen dramatischen Anstieg der Hautkrebsfälle (Inzidenz) aus.

Verschwiegen wird hier nur, dass dieser statistische Anstieg durchaus andere Gründe haben kann und hat.  Die Gründe sind bekannt und einige davon werden von den verantwortlichen Herausgebern der offiziellen Krebsstatitiken auch regelmäßig genannt, verschwinden dann aber hinter der publikumswirksamen Dramatik steil ansteigender Kurven.

In einer gründlichen Studie widmen sich jetzt britische Wissenschaftler einer der wichtigsten “Treiber” der Hautkrebsstatistik, dem sogeannten “diagnostic Drift“.  Verkürzt zusammengefasst wird damit ausgedrückt, dass die Melanom-Statistiken weniger durch den tatsächlichen Anstieg der Erkrankungen nach oben getrieben werden, sondern durch die einfache Tatsache, dass heute sowohl die diagnostischen Mittel, die bessere ärzliche Betreuung und die frühere Einordnung einer Hautveränderung als Melanom zu einer sehr viel häufigeren Entdeckung von Melanomen führt, die dann in die Krebsstatistiken eingehen.

Tatsächlich fanden die Forscher von der britischen Universität Norwich bei einer Analyse der 3.971 Melanome, die in der Zeit zwischen 1991 and 2004 in der Region East Anglia gemeldet worden waren, einen Anstieg fast ausschließlich bei den “flacheren” (Stufe 1), noch nicht streuenden Geschwulsten, die durch frühere Diagnose erkannt und beseitigt wurden.

In der Tat ist auch weder in Großbritannien noch in Deutschland oder in den USA der Anteil der Todesfälle im Verhältnis zur Bevölkerung angestiegen und geht in einigen westlichen Ländern seit einigen Jahren sogar zurück.

In der Studie weisen die Autoren nach, dass darüber hinaus die Zahl der harmlosen Hautveränderungen, die als Melanom diagnostiziert und gemeldet – und oft auch fälschlicherweise so behandelt – werden, sprunghaft angestiegen ist.

Dr. Nick J. Levell, Leiter der Studiengruppe, betont, dass Sonne und Solarium die Ergebnisse der Untersuchung nicht erklären können:  “Sonnenlicht ist zweifellos eine Ursache für den weissen Hautkrebs,” so Levell, “und hier konzentriert sich die steigende Anzahl  auf Gesicht und Nacken.” Aber die neu diagnostizierten Melanome seinen an Stellen des Körpers gefunden worden,  die normalerweise nicht von der Sonne erreicht würden. Die Sonne könne also nicht für die Anzahl der als bösartig deklarierten Hautveränderungen verantwortlich sein.

Auch ohne die simple Tatsache, dass die Zahl der “schwarzen” Hautkrebse – als überwiegende Alterserkrankung -  quasi “automatisch” mit der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft zunimmt, sollten diese Erkenntnisse eigentlich genügen, um den Schreckensszenarien interessierter Fachkreise und der Verteufelung von Sonne und Solarien die Spitze abzubrechen.

In einem Interview mit der New York Times meinte dazu Prof. Marianne Berwick, eine der weltweit führenden UV- und Melanom-Forscherinnen:  “Dermatologen bezeichnen heute Hautveränderungen als “schwarzen Hautkrebs”, die noch vor 20 jahren nicht als Melanom diagnostiziert worden wären.

Teilweise gestützt werden diese Aussagen durch eine statistische Analyse der US-Melanoma-Daten (SEER): Der Anteil der diagnostizierten Melanoma “in situ”, der örtlich begrenzten und – laut US-Statistik zu 98,5% heilbaren – Hauttumore,  an der Gesamtheit aller erfassten Melanome hat sich danach in den Jahren 1988-2006 verdreifacht im Verhältnis zu den gefährlicheren verbreiteten und metastasierenden Melanoma.

Die SEER-Daten belegen auch, dass die Steigerungsraten der Erkrankungen pro Jahr beim “schwarzen” Hautkrebs kontinuierlich zurückgeht – nicht etwa ansteigt, wie Medienberichte gern andeuten.

Kein Zweifel: Durch die Einführung des flächendeckenden Hautkrebs-Screenings in Deutschland wird sich die Statistik der diagnsotizierten Melanom-Fälle sprunghaft erhöhen, auch wenn in der Realität nicht ein einziges Melanom mehr entstanden sein wird als in den Jahren zuvor.

Damit ist weder der Nutzen des Hautkrebs-Screenings noch die Bedeutung der Aufklärung über einen vernünftigen Gebrauch von Sonne und Solarium zur Hautkrebs-Vermeidung infrage gestellt. Aber statstische Redlichkeit kann sicher auch von überengagierten Interessenvertretern erwartet werden.

Quelle: HighWire

Studien:

N. J. Levell et al.,  Melanoma epidemic: a midsummer night’s dream? The British Journal of Dermatology 2009;161(3):630-4

V.D. Criscione , M.A. Weinstock , Melanoma Thickness Trends in the United States, 1988-2006. Journal of Investigative Dermatology, 2009 15. Oktober (ahead of print)

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