Monatsarchiv für März 2010

Machen Sie mit bei einem kleinen Gedankenexperiment:
Sie haben vor Jahren den Führerschein Klasse 3 erworben und sind seither unfallfrei gefahren. Sie sind sich darüber hinaus durchaus bewusst, dass Sie ein potentiell gefährliches Gerät bedienen und haben das bisher immer verantwortungsvoll getan.

Jetzt will die Regierung nicht tatenlos dem bunten Treiben auf der Strasse zusehen. Sie erlässt nach jahrelangen Kampagnen und Protesten der Fußgänger-Liga und der Vereinigung zum Schutz von Fahrradfahrern (VSF) – unterstützt und gesponsert vom Förderverband Zweirad und der Deutschen Schuh- und Laufwerk Gesellschaft – eine Verordnung, nach der Sie verpflichtet sind:

  • sich nach einer Fahrpause von vier Wochen (also mindestens nach jedem Jahresurlaub) von einem professionellen Fahrlehrer in die Bedienung des Autos neu einweisen zu lassen und
  • als Vertiefung eine Informationsschrift zu lesen über die Gefahren des motorisierten Verkehrs;
  • diese Einweisung in einem Dokument zu bestätigen, das der Fahrlehrer drei Jahre lang aufbewahren muss;
  • nach einer Fahrpause von drei Monaten den Führerschein neu zu erwerben;
  • vom Fahrlehrer danach einen Stufenplan für das Verhalten im Straßenverkehr entsprechend den verschiedenen Erfahrungsstufen (z.B.: je länger desto schneller) in Empfang zu nehmen,
  • sich schriftlich auf die Einhaltung dieses Stufenplans zu verpflichten in einem Dokument, das drei Jahre aufzubewahren ist und bei Verkauf der Fahrschule vom neuen Besitzer wiederum drei Jahre archiviert werden muss;
  • darauf zu achten, dass wann immer Sie in ein Auto einsteigen, ein ausgebildeter Fahrlehrer in der Nähe ist – für alle Fälle;
  • vom Fahrlehrer eine Broschüre über Gefahren und Risiken des Autofahrens und über die potentiell todbringende Qualität von Autos mit Otto- und Dieselmotor aushändigen zu lassen und diese aufmerksam zu studieren;
  • eine Liste der gängigen Gefahren im Strassenverkehr mit Kombustionsmaschinen im Innenraum Ihres Autos an deutlich sichtbarer Stelle anzubringen;
  • auf der Innenseite der Motorhaube einen Aufkleber mit Warnhinweisen über die Gefahren laufender Motoren, Abgase, Ölverluste etc. und deren tödliche Wirkung zu applizieren;
  • und vieles mehr.

Die Regierung ist der festen Überzeugung, damit die Gefahren des Autofahrens an der Wurzel gepackt zu haben und die Zahl der Unfälle und der Verkehrstoten gegen Null driften zu lassen.

Würden Sie dem vorbehaltlos zustimmen? Nicht?

Sie halten das für einen weit hergeholten Scherz?

Dann schauen sie sich mal den eben bekannt gegebenen Verordnungsentwurf  des Bundesumweltministerium zum “Solariengesetz” an. Dort werden alle diese Maßnahmen – und das gelegentlich doppelt – „verordnet“ für Nutzer und Betreiber von Solarien.

Nach dreissig Jahren ohne verpflichtende Regeln und Vorschriften (ausser den gängigen Geräte-Normen) – um im Bild zu bleiben: ohne Straßenverkehrsordnung und Fahrlehrer-Ausbildungsvorschriften – holt der Gesetz- und Verordnungsgeber jetzt alles Versäumte nach und geht dabei ohne Rücksicht auf Verluste in die Vollen. Mehr Regulierung geht nicht, so viel Regulierung war noch nie. Da bleibt keine Entscheidungslücke offen. Nicht für den mündigen Verbraucher und nicht für den Sonnenstudio-Unternehmer im Wettbewerb.

Die Frage drängt sich auf:  Soll hier der derart  administrativ drangsalierte Sonner mit Nachdruck auf die verbleibenden “Freiheitsbereiche”: Balkon, Baggersee und Ballermann, gedrängt werden?

Ist Vernunft und Verantwortung – auch beim Genuss von UV-Strahlen – tatsächlich nur hinter Paragraphengittern sicher? Gibt es zwischen totaler Regellosigkeit und totaler Ver-regulierung keinen Mittelweg, durch Rahmensetzung geschaffene Freiräume für persönliche Entscheidungen zum Beispiel? Schon die Schildbürger scheiterten einst bei dem Versuch, die Sonnenstrahlen einzufangen und ins Rathaus zu tragen.

Noch handelt es sich ja um einen Entwurf, da bleibt noch Zeit zum Nachdenken.

Sonne und Vitamin D halten das Herz gesund und den Blutdruck in Grenzen.

Gleich zwei Review- und Meta-Studien in der internationalen Fachzeitschrift Annals of Internal Medicine vom März dieses Jahres fassen den Stand der wissenschaftlichen Forschung zusammen:

Das Harvard-Team um Prof.  Lu Wang wählte aus der Fülle der jüngsten Literatur die methodisch gesichertsten 17 Studien über die Wirkung von Vitamin D- und Kalzium-Supplementierung auf das Herz-Kreislauf-System.  Sie kommen zu dem Ergebnis auf der Basis dieser noch vorläufigen Datenlage, wie die Forscher anmerken,  dass Vitamin D in mäßiger oder hoher Dosis offensichtlich das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung deutlich reduziert. Für Kalzium dagegen scheint diese Wirkung nur gering oder nicht vorhanden zu sein.

In der zweiten Studie vom Medial Center der Tufts University in Boston beurteilten 11 Wissenschaftler die verfügbare Literatur und wählten 31 Studien für ihre Analyse aus. Drei Studien belegten bei einem Vitamin D-Defizit ein um 80 Prozent erhöhtes Bluthochdruck-Risiko, während diese Verbindung in fünf von sieben Studien zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefunden wurde.

Auch hier sahen die Forscher noch erheblichen Bedarf an weiteren Untersuchungen, bevor ein abschließendes Urteil möglich sei.

Quelle: MedWire

Studien:
Lu Wang et al.,  Systematic Review: Vitamin D and Calcium Supplementation in Prevention of Cardiovascular Events,   Annals of internal Medicine, März 2010,   vol. 152,  no. 5,  315-323

Anastassios G. Pittas et al.,  Systematic Review: Vitamin D and Cardiometabolic Outcomes, Annals of internal Medicine, März 2010,   vol. 152  no. 5,  307-314

Mother hugging her baby boy sonHäufige Ursache, schreckliche Wirkung:
Viele Schwangere leiden unter Vitamin D-Mangel und geben diesen Mangel an ihre Babies weiter. Obwohl Frauen in der Schwangerschaft zusätzlichen Bedarf an Vitamin D haben, vor allem in den Monaten von Oktober bis Ende März („Vitamin D-Winter“), scheuen sie oft vor Sonnenbädern oder Solarium-Besuchen zurück, aus der unbegründeten Angst, Ihr Baby durch die UV-Strahlen zu schädigen.

Der Vitamin D-Mangel aber erhöht das Risiko für die Neugeborenen erheblich, an Rachitis oder anderen Stoffwechselstörungen zu leiden.
Bei diesen Babies aber kommt es bei der Geburt oder einfach beim ganz normalem Umgang im Alltag zu Knochenbrüchen.

Kinderärzte vermuten dann unter Umständen eine Kindesmisshandlung und zeigen die entsetzten Eltern an. Die Tragödie nimmt ihren Lauf.

In seinem Newsletter greift der bekannte Vitamin D-Forscher Dr. John B. Cannell, Direktor des Vitamin D Council,  dieses leidvolle Thema auf in einer Antwort auf den Brief einer verzweifelten Mutter:

Newsletter der Vitamin D-Foundation in deutsche Übersetzung (gekürzte Fassung)

Newsletter der Vitamin D-Foundation in deutscher Übersetzung mit sämtlichen Links zu wissenschaftlichen Studien (ungekürzt)

Newsletter des Vitamin D-Council im Original (Englisch)

Mangel weit verbreitet

Heute veröffentlicht:
Eine Studie der Boston University School of Medicine untersuchte 459 Mütter mit ihren Neugeborenen und fanden: “Ein hoher Anteil der Kinder und Ihrer Mütter wiesen ein Vitamin D-Defizit auf.”  Die Vitamin D-Werte der Mütter in der Schwangerschaft seien offensichtlich nicht ausreichend, die angemessene Versorgung der Babies mit dem Sonnenschein-Vitamin sicherzustellen.

In diesem Weblog haben wir über Schwangerschaft und Sonnenschein-Vitamin hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier berichtet.

Studie:  A. Merewood, M.F. Holick,  S. D. Mehta et al.,  Widespread Vitamin D Deficiency in Urban Massachusetts Newborns and Their Mothers, PEDIATRICS, vorab online 22. März 2010

Die Vitamin D-Lücke bei Jugenldichen - Quelle: Nationale Verzehrsstudie

Die Vitamin D-Lücke bei Jugenldichen - Quelle: Nationale Verzehrsstudie

Obwohl Nahrungsergänzung bei Lebensmitteln, so etwa Vitamin D-angereicherte Milch, in den USA wesentlich verbreiteter ist als in Europa oder Deutschland, klafft bei der Vitamin D-Versorgung über die Ernährung auch dort eine beträchtliche Lücke, deutlich größer als bei anderen Vitaminen und Mikronährstoffen.

Diese Lücke  ist am größten bei Jugendlichen und jungen Frauen und bei den Alten – und das obwohl 37 Prozent der Bevölkerung Vitamin D als Nahrungsergänzung zu sich nimmt.

Auch hier die Parallele zu den deutschen Verhältnissen:
96,6 Prozent der Mädchen und jungen Frauen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren erreicht nicht die notwendigen Werte für die Vitamin D-Aufnahme,  so die Nationalen Verzehrsstudie von 2008. Ähnlich die Studie des Robert-Koch-Instituts, die ebenfalls Jugendliche als “Risikogruppe” für die Unterversorgung mit dem “Sonnenschein-Vitamin” ausgemacht hatte.

Diese alarmierenden Daten erhalten aus einer ganzen Reihe von Gründen eine zusätzliche Bedeutung:

  1. Vitamin D ist neben Kalzium (auch hier wird der Grenzwert von den Jugendlichen nicht erreicht) entscheidend für den Knochenstoffwechsel. Der Knochen- und Muskelaufbau findet aber vor allem in diesem Alter statt.  Später, etwa nach dem 30. Lebensjahr zehrt der Mensch davon und sein Osteoporose-Risiko wächst, je größer der Vitamin D- und Kalzium-Mangel in der Jugend war.
  2. Vitamin D  entwickelt sich, wie eine Nachrichtenagentur dieser Tage in einem Kongressbericht schrieb, zu einem “Allzweckmittel gegen Krankheiten”: Infektionskrankheiten, Autoimmun-Erkrankungen, Herz-Kreislauf- und Gefäß-Krankheiten, Krebs und Depressionen. Ein gravierender Mangel gerade in den formativen Jahren und hier vor allem bei den jungen Frauen sollte als Warnzeichen für eine gefährliche Entwicklung der “Volksgesundheit”  dienen.
  3. Der Unterversorgung bei Vitamin D steht eine krasse “Überversorgung” beim Vitamin A,  dem Retinol, gegenüber – bei einigen Alterngruppen um das Doppelte des “Referenzwerts”, der notwendigen und empfohlenen Menge. Vitamin A aber be- oder verhindert die Wirkung von Vitamin D, wie Forscher kürzlich entdeckt haben (s. u. Studie).

Im März, am Ende des “Vitamin D-Winters”,  ist der Mangel an Sonnenschein-Vitamin besonders krass, mit den üblichen Folgen, wie vor allem einer Zunahme von Infektionskrankheiten aller Art. Die UVB-Strahlen der Sonne, die normalerweise für 80-90 Prozent der Vitamin D-Produktion verantwortlich sind, haben dazu noch nicht die nötige Kraft. Die Ernährung liefert, wie gezeigt, nicht annähernd genug Vitamin D, um die Lücke zu schließen – und den 14-17jährigen verwehrt das neue “Solariengesetz” den gezielten und dosierten Ausgleich auf der Sonnenbank.  Ein Eigentor beim Gesundheits- und Verbraucherschutz?

Frühere Berichte zu Sonne, Solarien, Vitamin D und Jugendliche hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, und hier

Studien:
R.L. Bailey et al.,  Estimation of Total Usual Calcium and Vitamin D Intake in the United StatesThe Journal of Nutrition, 24. Februar 2010 (onlien vorab veröffentlicht)

Mazda Jenab et al.,  Association between pre-diagnostic circulating vitamin D concentration and risk of colorectal cancer in European populations:a nested case-control studyBritish Medical Journal,  2010;340:b5500 (vorab publiziert 21. Januar 2010)

Mit der Sonne länger leben

Mit der Sonne länger leben

Dass ein “sonnigeres” Leben und eine bessere Versorgung der Bevölkerung mit dem “Sonnenschein-Vitamin D” das Leben der Menschen verlängern würde,  ist in etlichen internationalen Studien aus den vergangenen drei Jahren belegt worden (siehe hier, hier, hier, hier und hier).

Eine Schätzung für Deutschland aufgrund vorhandener Daten präsentierte kürzlich eine Gruppe deutscher und internationaler Forscher in der Fachzeitschrift “Dermato-Endocrinology“. Sie verglichen den tatsächlichen, durchschnittlichen Vitamin D-Status der deutschen Bevölkerung von 41 nmol/l nach der deutschen DEVID-Studie  mit den Ergebnissen zweier Studien, die das geringste Sterberisiko bei einem Vitamin D-Wert von 75 nmol/l ermittelt hatten. Ein Wert, den 90 Prozent der Deutschen im Jahresdurchschnitt nicht erreichten.

Auf dieser Basis kalkulierten die Wissenschaftler in einer, wie sie selbst angeben “konservativen” Schätzung, dass eine ausreichende Versorgung der deutschen Bevölkerung mit dem “Sonnenschein-Vitamin D”, die Erhöhung des Vitamin D-Spiegels im Blut auf 75 nmol/l,  mindestens 18.300 Todesfälle pro Jahr verhindern könnte.

Erst vor einigen Monaten hatten amerikanische Wissenschaftler unter Leitung von William B. Grant vorgerechnet, dass allein in Europa die “Unterversorgung” mit dem Sonnenschein-Vitamin die Gesundheitssysteme der Länder mindestens 177 Milliarden Euro jährlich kostete.

Quelle: PubCrawler

Studie:  Armin Zittermann et al., An estimate of the survival benefit of improving vitamin D status in the adult German population, Dermato-Endocrinology, Jg. 1, Nr. 6

Die Studien von William B. Grant und anderen zu den ökonomischen Folgen des Vitamin D-Mangels in USA, Kanada und Europa:
Grant WB, Cross HS, Garland CF, Gorham ED, Moan J, Peterlik M, et al.,  Estimated benefit of increased vitamin D status in reducing the economic burden of disease in Western Europe. Prog Biophys Mol Biol. 2009;99:104-13.

Grant WB, In defense of the sun: An estimate of changes in mortality rates in the United States if mean serum 25-hydroxyvitamin D levels were raised to 45 ng/mL by solar ultraviolet-B irradiance, Dermato- Endocrinology, 2009;1:207-14.

Grant WB, Schwalfenberg GK, Genuis SJ, Whiting SJ. An estimate of the economic burden and premature deaths due to vitamin D deficiency in Canada, Molec Nutr Food Res. In press.

Ausreichende Sonnen-Exposition hilft bei der Vorbeugung und Behandlung von Herz-Kreislauf- und Gefäß-Erkrankungen.

Diese Ergebnisse lang andauernder Studien am renommierten Intermountain Medical Center Heart Institute im US-Bundesstaat Utah stellten die Forscher gestern beim internationalen 59. Fachkongress des American College of Cardiology in Atlanta, Georgia, vor.

Auch die Frage: Wieviel Vitamin D ist notwendig für die Vorbeugung von Herzkranzgefäß-Erkrankungen? wurde beantwortet.

Dr. J. Brent Muhlestein, Leiter der kardiologischen Forschungsabteilung am Intermountain Medical Center Heart Institute:  “Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Bedeutung des Vitamin D für die Behandlung und Vorbeugung von Herz- und Gefäßerkrankungen und anderen chronischen Krankheiten sehr viel größer ist , als wir ursprünglich gedacht haben.

Vorgestellt wurden zwei Studien. In der ersten Studie wurde 9.400 Patienten mit niedrigen Vitamin D-Werten geraten, durch Vitamin D-Pillen oder Sonnen-Exposition ihre Werte deutlich zu steigern. Bei der Kontroll-Messung nach einem Jahr zeigte sich, dass die Teilnehmer, die ihren Vitamin D-Spiegel auf das “Normal-Maß” erhöhten, ihr Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung um 47 Prozent vermindert hatten.

In einer zweiten Studie wurden 31.000 Patienten in drei Gruppen eingeteilt, je nach Höhe ihres Vitmain D-Spiegels im Blut.  Dabei stellte sich heraus, dass die Teilnehmer, die über einen gewisssen Zeitraum ihre Werte auf 43 ng/ml oder mehr erhöht hatten,  ihr Risiko deutlich senken konnten, an Diabetes, Herz- und Gefäßkrankheiten, Herzinfarkt, Herzversagen, Bluthochdruck, Depression und Nierenversagen zu erkranken.  Weniger von diesen Patienten starben im Vergleich zu den Gruppen mit einer Vitamin D-Unterversorgung.

Allgemein gilt eine Vitamin D-Spiegel von 30 ng/ml als “normal”. Es zeige sich aber zunehmend, dass dieser Wert zu niedrig sei, um die optimale Wirkung des “Sonnenschein-Vitamins” zu erzielen.

20-30 Minuten an der Sonne (im Sommer) reiche aus, so Dr. Muhlestein, um 10.000 IE (internationale Einheiten) Vitamin D zu produzieren. Dabei sei allerdings immer ein Sonnenbrand oder Hautirritationen zu vermeiden.

Nachtrag

Ein Feature der Presseagentur pte vor dem Hintergrund des oben erwähnten ACC-Kongresses und ein Interview mit dem Stoffwechselexperten Dr. Rudolf Gasser von der Uniklinik Innsbruck ist überschrieben:

Quelle: Science Daily/Eurekaltert

Noch ist die Sonne nicht starkt genug!

Noch ist die Sonne nicht starkt genug!

Noch leistet der Winter Widerstand und die Sonne steht noch nicht hoch genug, um warm vermummten Spaziergängern die notwendigen UVB-Strahlen für die Vitamin D-Produktion auf die Haut zu schicken. Der Stand des Vitamin-Serums im Blut ist jetzt, am Ende des “Vitamin D-Winters”, auf dem niedrigsten Stand. Das freut Viren und Bakterien: Das “Sonnenschein-Vitamin” spielt eine entscheidende Rolle bei der Immun-Antwort des Körpers auf die unterschiedlichsten Erreger. (Erst vor Kurzem hatten wir über die Entdeckung des Wirkmechanismus hinter dieser Immunreaktion berichtet).

Zwei soeben erschienene Studien befassen sich mit diesem Thema.

In einer klinischen Studie mit 334 japanischen Schulkindern fanden Wissenschaftler an der Jikei University School of Medicine in Tokio eine deutlich niedrigere Rate an Grippe-Erkrankungen (Influenza)  bei der Gruppe mit ausreichender Vitamin D Versorgung gegenüber der Plazebo-Gruppe (10,8 gegenüber 18,6 Prozent erkrankte Kinder).

Noch deutlicher der Unterschied bei Kindern mit einer Asthma-Vorerkrankung: Bei der Gruppe mit Vitamin D-Ergänzung gab es im Untersuchungszeitraum (Dezember 2008 bis März 2009) nur zwei, in der Plazebo-Gruppe aber 12 Asthma-Attacken.

Bei Erwachsenen kommt eine norwegische Studie zu ähnlichen Ergebnissen:

Die Forschergruppe um Prof. Johan Moan, Oslo, untersuchte die Todesfälle bei Influenza und Lungenentzündung zwischen 1980 und 2000 in Norwegen und verglichen den Stand der Vitamin D-Versorgung, der in einer Reihe früherer Studien erhoben worden war:

Die mit Abstand größte Zahl an Todesfällen durch beide Krankheiten fiel in die Zeit des “Vitamin D-Winters” mit besonders niedrigem Vitamin D-Spiegel im Blut der Bewohner. Die Forscher schliessen daraus, dass ein Vitamin D-Spiegel in etwa in der durchschnittlichen Höhe des Hochsommers einen großen Teil der Todesfälle durch Grippe und Lungenentzündung verhindern könnte.

Quelle: PubMed

Studien:
Mitsuyoshi Urashima et al., Randomized trial of vitamin D supplementation to prevent seasonal influenza A in schoolchildren, American Journal of Clinical Nutrition, 10. März 2010, vorab online veröffentlicht.

Johan E. Moan et.al., Influenza, solar radiation and vitamin D, Dermato-Endocrinology, Volume 1, Issue 6 November/December 2009

Angriff und Verteidigung - Z Zellen  Foto: iStockphoto

Angriff und Verteidigung - T Zellen Foto: iStockphoto

Die Sonne und ihr “Sonnenschein-Vitamin D” (durch die UVB-Strahlen auch im Solarium über die Haut produziert) spielt bei der Abwehrschlacht des menschlichen Körpers gegen eindringende Bösewichte wie Bakterien und Viren eine entscheidende Rolle. Vitamin D steuert in weiten Teilen die Immunreaktion des Körpers, verhindert aber auch gleichzeitig, dass die Abwehr-Bataillone über das Ziel hinausschiessen und tödliche “Kollateralschäden” im eigenen Körper verursachen: die sogenannten Autoimmunerkrankungen wie Diabetes oder Multiple Sklerose.

Forscher an der Universität von Kopenhagen, Dänemark,  haben jetzt die hochkomplizierten “Kommandowege” dieser Verteidigungsstrategie durch das Vitamin D erforscht.

Die Verteidiger der Körperzellen vor bösartigen Angreifern, die T-Zellen, gern auch als Killerzellen bezeichnet, sind eigentlich eher friedlich, wenn nicht gar etwas faul und verschlafen. Wenn sie nicht durch bestimmte Signal-Proteine auf Trab gebracht werden, reagieren sie nicht auf die Angreifer. Erst auf den Anstoß durch diese Proteine vermehren sich die T-Zellen schlagartig und werfen sich in die Schlacht.

Dieser Vorgang aber wird nur dann ausgelöst, wenn die T-Zellen über einen Vitamin D-Rezeptor in ihrem Umfeld Vitamin D “ertasten”. Erst die Anwesenheit von Vitamin D-Rezeptoren und zirkulierendem Vitamin D bringt das gesamte Verteidigungssystem in Schwung.

Während ein Teil der T-Zellen sich als “Killer-Zellen” auf die Eindringlinge stürzen,  sorgen andere T-Zellen als “Helfer-Zellen” dafür, dass das Immunsystem sich künftig an diese spezifischen Feinde erinnert, sie sofort identifizieren und umbringen kann.

Damit haben die dänischen Forscher den Mechanismus entschlüsselt, durch den die – auch in diesem Blog dutzendfach beschriebene – Immunsteuerung durch das “Sonnenschein-Vitamin” abläuft.

Professor Carsten Geisler, Leiter der Forschungsgruppe: “Wissenschaftler wussten seit langem, wie wichtig das Vitamin D ist für die Verarbeitung von Kalzium im Knochenstoffwechsel und dass es auch eine Rolle spielt bei Krankheiten wie Krebs oder Multipler Sklerose. Aber was wir bisher nicht begriffen hatten, ist die entscheidende Rolle des Vitamin D bei der Aktivierung des Immunsystems. Jetzt wissen wir`s! ”

Immer deutlicher wird auch,  welche ganz konkreten Schäden die seit Jahrzehnten andauernden Kampagnen einiger Dermatologen-Verbände anrichten.  Die ständig wachsende Unterversorgung der Bevölkerung mit Vitamin D, im wesentlichen also mit UV-Strahlen,  schwächt nicht nur die körpereigene Verteidigung der Menschen gegen Infektionen und chronische Autoimmunerkrankungen wie Diabetes, sondern auf diese Weise auch die Finanzierbarkeit unserer Gesundheitssysteme: Weniger Natur, mehr Pillen – wem nützt`s!?

Quelle: ScienceDaily

Studie:  Marina Rode von Essen et al., Vitamin D controls T cell antigen receptor signaling and activation of human T cellsNature Immunology, vorab online publiziert, 07. März 2010

Sonne schützt vor vielen Krebsarten, auch vor dem gefährlichen “schwarzen” Hautkrebs, dem Melanom. Büroangestellte leiden häufiger unter dieser Krankheit als Menschen, die im Freien arbeiten und der Sonne ausgesetzt sind.

Bisher stand der Nierenkrebs nicht auf der Liste der durch Sonne beeinflussten Krebsarten. Das ändert sich jetzt.

Eine Studie vom National Cancer Institute in Rockville, USA, weist jetzt nach, dass regelmäßiger Aufenthalt an der Sonne durch entsprechende berufliche Tätigkeiten das Risiko, an Nierenkrebs zu erkranken, um bis zu 38 Prozent verminderte. Je mehr Sonne, desto geringer das Risiko.

Die Forscher waren von der Beobachtung ausgegangen, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Nierenkrebs-Erkrankungen ständig zugenommen hatten, während gleichzeitig die Vitamin D-Versorgung der Bevölkerung stetig zurückging.  Die Vermutung lag daher nahe, dass der Mangel an “Sonnenschein-Vitamin” Auswirkungen auf die Entstehung und Entwicklung des Nierenkrebses haben könnte.

In der methodisch sehr sorgfältig durchgeführten Studie, die in den nächsten Tagen in der führenden Fachzeitschrift Cancer erscheinen wird, wurden 1,097 Patienten mit Nierenkrebs aus Mittel- und Osteuropa untersucht und verglichen mit  1,476 gesunden Probanden.

Vor einem Rätsel allerdings standen die Wissenschaftler als sie feststellen mussten, dass es einen deutlichen Zusammenhang von Vitamin D-Werten im Blut und dem Nierenkrebs-Risiko gab, dass dieser Zusammenhang aber nur bei den Männern eine statistisch relevante Größe hatte, nicht aber bei den Frauen! 

Prof. Sara Karami und ihre Kollegen vermuten, dass

  • die weiblichen Hormone hier eine Rolle spielen könnten,
  • Frauen, wie Umfrage-Studien regelmäßig nachweisen, häufiger und regelmäßiger zu Sonnenschutzmitteln greifen und damit die Vitamin D-Synthese abblocken,
  • die Männer im Freien mit bloßem Oberkörper arbeiten und entsprechend mehr Hautoberfläche für die Bildung des Sonnenschein-Vitamins “zur Verfügung stellen”.

Wie immer weisen die Forscher darauf hin, dass diese Ergebnisse noch in weiteren Studien über die Arbeitswelt hinaus bestätigt werden müsste.

Quelle: Alphagalileo

Studie:  Sara Karami et al.,  Occupational sunlight exposure and risk of renal cell carcinoma, CANCER; online vorab publiziert am 08. März 2010

Mit der Sonne geht man besser   Foto: fotolia

Mit der Sonne geht man besser Foto: fotolia

Wer sonnt kann schneller gehen! Was auf den ersten Blick verblüffend scheint ist schnell erklärt: Das Sonnenschein-Vitamin ist nicht nur beim Knochenaufbau und Knochenstoffwechsel sondern auch beim Muskelaufbau und der Muskel-”Qualität” ein eintscheidender Faktor. (Dazu frühere Beiträge hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier)

Die Tatsache wird einmal mehr bestätigt durch eine Studie der französischen Universität von Angers mit fast 800 älteren Frauen. Die Forscher untersuchten den Vitamin D-Spiegel im Blut der Probandinnen und führten Geh-Tests durch in unterschiedlichen Geh-Geschwindigkeiten. Faktoren wie Alter, Gewicht, Einnahme von Medkamenten,  chronische Krankheiten,  physische Aktivitäten und Gehirnleistung wurden berücksichtigt.

Das Ergebnis war eindeutig:  Je größer das Vitamin D-Defizit war gegenüber einem “normalen” Vitamin D-Wert von 30 ng/ml, desto geringer die Fähigkeit zum schnellen Gehen. Die Forscher schließen daraus einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Vitamin D-Versorgung und der neuro-muskulären Leistungsfähigkeit (nicht nur) bei älteren Menschen.

Auch die Sportler profitieren

In einem längeren Artikel fasst der Sportler-Blog “Runner`s World” die neueren Erkenntnisse über die Bedeutung des Sonnenschein-Vitamins gerade für Sportler zusammen:
http://www.runnersworld.com/article/0,7120,s6-242-301–13364-2-1-2,00.html

Quelle:  PubCrawler

Studie: C. Annweiler et al.,  Cross-sectional association between serum vitamin D concentration and walking speed measured at usual and fast pace among older women: The EPIDOS studyJournal of Bone and Mineral  Research, online vorab publiziert, 4. März 2010