Darauf haben manche lange gewartet! Nach Dutzenden von Versuchen mit äusserst schütteren Ergebnissen kommt jetzt eine großangelegte Studie mit der Botschaft:  Solarien verursachen “schwarzen” Hautkrebs, und zwar je öfter und je länger desto mehr.

Schon die medienwirksame Einordnung der Solarien als “definitiv krebserregend” durch die IARC vor knapp einem Jahr stand auf äusserst schwachen wissenschaftlichen Füssen: Nur vier von 19 Studien hatten in einer Meta-Studie überhaupt statistisch relevante Ergebnisse in dieser Richtung erbracht – und hatten dabei zum Teil wichtige andere Faktoren außer Acht gelassen.

Dennoch erschreckten IARC, WHO und Medien die Menschen mit der Aussage, das Melanom-Risiko steige bei Solarium-Gebrauch vor dem 35. Lebensjahr um 75 Prozent. Dass damit das tatsächliche , absolute Risiko immer noch deutlich unter 0,1 Prozent lag, die Steigerung also winzig ausfiel, blieb wohlweislich unerwähnt.

Zudem geriet die einseitige Auswahl der Studien und andere methodische Probleme sehr schnell unter Beschuss von internationalen Experten.  Die Absicht hinter den Ergebnisformulierungen der Studien-Autoren war nur allzu deutlich.

Das gilt nun auch verstärkt für die jetzt vorgelegte Studie, die einst von einem der Geldgeber mit dem Auftrag auf die Reise geschickt wurde “Instrumente zu entwickeln, mit denen die Nutzung von Solarien entmutigt werden können” (Übers. durch die Red.).

Das Forschungsprojekt aus dem mittleren Westen der USA, dem Bundesstaat Minnesota, mit 2,268 Teilnehmern versucht seit 2004 einen Zusammenhang von künstlicher Besonnung und “schwarzem” Hautkrebs, dem Melanom, herzustellen. Basis ist eine umfangreiche schriftliche und telefonische Befragung über das Verhalten an der Sonne, über die Nutzung von künstlicher Besonnung und über die Art der Besonnungsgeräte  rückwirkend bis in die 80ger Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Das Ergebnis: Bei Menschen, die irgendwann einmal eine Sonnenbank genutzt hatten, erhöhte sich, laut Studie, das Risiko, an einem Melanom zu erkranken, um 74 Prozent. Bei häufiger und längerer Nutzung sogar um das Dreifache.

Allerdings war es dabei gleichgültig, wann die Person mit der Solarium-Nutzung begonnen hatte. Damit widersprechen die Ergebnisse den bisherigen Annahmen, dass besonders die Solarium-Nutzung durch Jugendliche das Krebsrisiko erhöht.

Erst bei der genauen Analyse der veröffentlichten Daten findet man in dieser Studie Ergebnisse, die in der Zusammenfassung und Diskussion durch die Autoren tunlichst in einen Nebensatz verdrängt werden.

So stellt sich heraus (wie ähnlich auch in früheren Studien), dass Menschen mit regelmäßigem oder berufsbedingtem Aufenthalt an der Sonne weniger häufig an einem Melanom erkranken, als Menschen, die sich selten an der Sonne aufhalten. Mehr Sonne – weniger “schwarzer” Hautkrebs!

Interessant und ebenfalls in der Auswertung unerwähnt:  Regelmäßige und intensive Nutzung von Sonnenschutzmitteln führt nicht zu weniger sondern zu erheblich mehr Melanom-Fällen (auch darüber haben wir kürzlich berichtet).

Hier bestätigen sich denn auch die Zweifel an der “Neutralität” dieser Studie, ebenso wie bei der medienwirksamen Formulierung der Zusammenfassung. Dort wird mit “relativen” statt mit “absoluten” Risiken gearbeitet. Was das heisst und wie sich das auswirkt, lässt sich am besten am Beispiel erläutern.

Der Glaube an die Statistik, die man ….

Nehmen wir an, das Risiko, bei einem Spaziergang auf einem städtischen Bürgersteig von einem fallenden Dachziegel getroffen zu werden, sei 0,002 Prozent. Heisst: bei 100.000 Spaziergängen kommt es zu zwei Ziegeltreffern.

Nun findet eine wissenschaftliche Studie heraus, dass schon bei Windstärke 5 sich das Dachziegel-Unfallrisiko um erschreckende 75 Prozent erhöht.

Am nächsten Tag liest man in BILD:  “Tod vom Dach! Bei leichtem Wind 75 Prozent mehr Füßgänger tödlich getroffen.”

Politiker fordern schärfere Dachkontrollen und Meisterbriefe für jeden Dachdecker. Die Leute trauen sich jenseit von Windstärke 4 nicht mehr aus dem Haus – mit unabsehbaren Folgen für Wirtschaft und Volksgesundheit.

Und in Wirklichkeit?

Selbst wenn die Ergebnisse der Studie korrekt sind, wird bei höheren Windstärken aus einem minimalsten Risiko von 0,002 Prozent ein fast ebenso minimales Risiko von 0,0035 Prozent.

In anderen Worten: Viel Wind um (fast) nichts!

So auch hier

Ähnliche Zweifel und eine ganze Reihe zusätzlicher Einwände können auch für die Minnesota-Studie geltend gemacht werden. Nur einige davon sollen hier kurz erwähnt werden:

  1. Die Studie ist entstanden aus einem größeren Studienprojekt mit dem klaren Auftrag, “Instrumente zu entwickeln, mit denen die Nutzung von Solarien entmutigt werden können.” So einer der Geldgeber, das National Cancer Institute. Das Endurteil war damit bereits in den Studienansatz “eingebaut”.
  2. Mit diesem Auftrag wurden nach den schriftlichen Interviews Telefongespräche geführt, zur Hälfte mit Menschen, die inzwischen an einem Melanom erkrankt waren.  Bei “richtiger” Befragung neigen derart Betroffene dazu ihre Erinnerung an frühere Sonnenbank-Nutzung und Zeiten den Bedingungen anzupassen,  zumal wenn ihnen die Sonnenbank als “Schuldiger” für ihren Zustand vorab suggeriert worden war.
  3. Die Studie beschränkt sich auf den Staat Minnesota. Ausgerechnet dieser Staat zeichnet sich aus durch einen weit überproportionalen Anteil an Menschen nordeuropäischer Herkunft. Der besonders gefährdete Hauttyp 1 ist daher hier sehr viel häufiger vertreten als im Rest der Bevölkerung.
  4. Erinnerungen an so unwichtige Ereignisse wie das Sonnenbaden im Freien oder im Sonnenstudio, oder gar deren Länge und Häufigkeit, sind nach 20 Jahren und mehr eher zufällig. Dass darüber hinaus auch noch der Gerätetyp aus z.B. dem Jahr 1990 korrekt erinnert wird, ist unwahrscheinlich. Auf solchen Erinnerungen aber basiert diese Studie.
  5. Statistiken der Verbände zur Solarium-Nutzung im Staat Minnesota weisen einen Anteil von 10 Prozent an der Bevölkerung insgesamt aus. Die Studie aber entdeckte einen Anteil von 62 Prozent Solariennutzer bei der vom Melanom betroffenen Gruppe und 51 Prozent in der zufällig ausgewählten Vergleichsgruppe. Eine derartige Differenz, selbst bei ungenauen Daten, ist bei einer repräsentativen Auswahl ausgeschlossen. Hier wurde also vermutlich “vorselektiert”.
  6. Wenn es richtig ist (wie die Studie ausweist), dass regelmäßiger Aufenthalt an der Sonne das Melanom-Risiko eher senkt als steigert, die UV-Strahlen der Sonne sich aber nicht bzw. nur in der Zusammensetzung, von den UV-Strahlen des Solariums unterscheiden, ist die Risiko-Steigerung gerade bei regelmäßiger Sonnenbank-Nutzung nicht schlüssig erklärbar. Zwei Ergebnisse der gleichen Studie widersprechen sich also unmittelbar an dieser Stelle.
  7. In der Studie selbst, vor allem aber in dem jetzt anlaufenden Medien-Echo wird durchgängig mit “relativen” statt “absoluten” Risiken argumentiert. Unser Beispiel oben zeigt, wieviel dramatischer sich die Ergebnisse auf diese Weise darstellen lassen. Tatsächlich liegt das absolute Risiko, an einem Melanom zu erkranken in den USA bei weniger als  o,3 Prozent – und unterscheidet sich nach anderen Studie kaum zwischen Nutzern und Nicht-Nutzern von Solarien. Da die Studie nur Menschen bis zum Alter von 59 Jahren einbezieht, das Melanom aber eine typische Alterskrankheit ist, liegt folglich das absolute Risiko einer Melanom-Erkrankung in den untersuchten Altersgruppen noch sehr viel niedriger als im Durchschnitt der gesamten Bevölkerung.
  8. In der Melanom-Gruppe befinden sich mehr als dreimal so viele Menschen mit vielen oder sehr vielen Muttermalen wie in der Vergleichsgruppe und immerhin ein Viertel mehr Menschen mit mehr als 5 schweren Sonnenbränden im Freien. Beides, Anzahl der Muttermale und Sonnenbrände, sind typische Risikofaktoren für ein Melanom. Mit Solarium haben sie nichts zu tun!
  9. Obwohl in der Studie viele andere Melanom-Risiken genannt und ausgeschlossen werden, bleiben die erstaunlichen Daten zu einem Zusammenhang von Sonnenschutzmitteln und Melanom unberücksichtigt. Dabei erhöht sich, laut Daten der Studie selbst, das Melanom-Risiko durch Sonnenschutz-Gebrauch um ganze 35 Prozent.

Trotz solcher und anderer Einwände bleiben die Ergebnisse der Studie bedenklich, im wahrsten Sinne des Wortes.  Andererseits sagt eine Studie mit Erinnerungsdaten aus der Vergangenheit – über die gesamte Entwicklungsgeschichte der künstlichen Besonnung hinweg – sehr wenig über die aktuelle tatsächliche oder vermeintliche Gefährdung durch moderne Solarien oder über künftige Entwicklungen.

Mit den Rahmenbedingungen durch Normen, Gesetz und Verordnungen, wenn sie realistisch ausgestaltet und angemessen kontrolliert werden, ist für die Zukunft eine Gefährdung so gut wie auszuschließen – falls es denn in der Vergangenheit eine gegeben haben sollte.

Quellen:  Science Daily/HighWire/SmartTan

Studie:  DeAnn Lazovich et al., Indoor Tanning and Risk of Melanoma: A Case-Control Study in an Highly Exposed Population, Cancer Epidemology, Biomarkers & Prevention,  online vorab publiziert, 26. Mai 2010

Ein Kommentar zu “Solarium und Melanom, a Never Ending Story”

  1. werner stolletzam 01.06.2010 um 08:57

    vielen Dank an die verfasser dieses berichtes. wieviel solcher berichte verkraftet eigentlich die branche noch? wenn wir uns nicht ernsthaft wehren, werden viele von uns die täglich gute arbeit leisten aufgeben müssen, da sich die menschen irgendwann nicht mehr trauen ins sonnenstudio zu gehen. mit unseren argumenten im studio erreichen wir nur die menschen die überhaupt noch ins studio gehen. die vielen anderen, evtl. früheren nutzer kommen gar nicht mehr aus angst vor dem “krebs”. wenn es uns zusammen mit den verbänden nicht gelingt, die angst der menschen vor dem
    “krebs” zu nehmen, wird sich der abwärtstrent fortsetzen. wir sollten uns alle ernsthaft überlegen, wie man gegen solche einseitige Berichterstattung vorgehen kann. Ziel muss es sein, die menschen richtig aufzuklären und ihnen die angst vor dem solarium und von der sonne zu nehmen. Darüberhinaus sollten wir die guten eigenschaften von sonne und solarium den menschen seriös näher bringen. denn eines steht fest: ohne sonne können auch solariumgegner nicht leben. (PS. bringe heute stellungnahme in meine Apotheke)

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