Urlaubsgeld mit SandstrandWer jetzt im Sommer die täglichen Standard-Warnungen von Dermatologen vor den tödlichen Sonnenstrahlen in den Medien verfolgt und gleichzeitig, wenn auch etwas weniger standardisiert und ritualisiert,  die Klagen der Wissenschaftler und der ärzlichen Nicht-Dermatologen über den keineswegs weniger tödlichen Mangel an Sonnenschein und Sonnenschein-Vitamin D liest, den juckt es, darüber eine Satire zu schreiben.  Rein in die Sonne, raus aus der Sonne – ja was denn nun?

Jetzt hat sich – leider nur im fernen Amerika – endlich ein bekannter Journalist und Satiriker, Harmon Leon, daran gemacht, das Rätsel der dermatologischen “Sonnenschein-bringt-uns-um-Botschaft”, wie er es nennt, zu lösen. Und zwar mit der klassischen Fragen: Wer profitiert davon? Wer hat ein Interesse an der so erzeugten “Sonnen-Panik”?

Da die Antwort am besten an der Quelle zu finden sein würde, ging Leon in den journalistischen Untergrund, sozusagen, nämlich als Patient in eine Reihe dermatologischer Praxen in seiner Heimatstadt San Franzisko. Mystery Shopping heisst das Verfahren auch im Neu-Deutschen und wird mit nie versagendem Erfolg auch bei uns  von “Enthüllungsreportern” angewendet, wenn es um die Anklage gegen die künstliche Besonnung in Sonnenstudios geht.

Anders als RTL oder BILD bei uns, die gelegentlich Mühe haben, die dramaturgisch passende “Brezelbude” (ähnlich wie bei Restaurants, Auto-Werkstätten oder öffentlichen Toiletten gibt es auch unter den Solarienbetreibern etliche Ausreisser nach unten) zu entdecken , wurde Leon schon bei seinen ersten Besuchen fündig: Die Wort und Ton-Protokolle seiner Besuche verführen zu ungehemmten Heiterkeitsausbrüchen. Aber das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Hier wird mit Entsetzen Spott getrieben.

Mit ein wenig Dramatisierung, phantasievollen Statistik-Hinweisen und schnell konstruierten Begründungen werden irritierende Muttermale zu Melanome “aufgewertet”, auf Kassen-Kosten und Statistik-wirksam entfernt (der “schwarze” Hautkrebs gilt als eine der häufigsten Krebs-Fehldiagnosen, JNCI Journal of the National Cancer Institute 2010 102(9):605-613). In allen Fällen, mit einer einzigen Ausnahme, wurde Leon eindringlich ermahnt, im Freien immer Sonnencremes mit hohem LSF aufzutragen und vor allem die lebensgefährlichen Solarien zu meiden. Phototherapie, ebenfalls UV-Bestrahlung,  dagegen sei eine gute Sache.

Keiner der besuchten Ärzte erwähnte die Tatsache, dass Sonnenschutzmittel nachweislich nicht vor Melanoma schützen, noch dass Vitamin D-Mangel durch Vermeiden oder Blocken von Sonnenstrahlen weit mehr Schaden anrichtet als die UV-Strahlen – selbst bei unvernünftiger Anwendung, noch dass die Neuerkrankungen an “schwarzem” Hautkrebs nur “statistisch” und nur bei den Älteren ansteigen und die Todesfälle seit Jahrzehnten eher abnehmen etc. etc.

Leon`s Erklärung dieses Phänomens: “In dieser zu Panikattacken neigenden Gesellschaft profitiert die kosmetische Dermatologie davon, dass überAngst-betriebene Pipelines Patienten in die Praxen gespült werden…Die dermatologische Industrie hat sich in ihre Sandkasten-Ecke verkrochen, um nicht die wissenschaftliche Realität einer ausgewogenen Botschaft akzeptieren zu müssen: Sonnenschutz im Licht der Forschung, die völlig eindeutig die Notwendigkeit regelmäßiger Besonnung aufzeigt.”

Quelle: Harmon Leon: Is Profit Behind Dermatology’s ‘Sun Scare’ Message? Huffington Post, 13. Juli, 2010

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