Wie wichtig ist das Sonnenschein-Vitamin

Wird aus Angst vor der Sonne das Sonnenschein-Vitamin D klein geredet?

Die Gesundheitsbehörden in USA und Kanada hatten eine Überprüfung der Vitamin D- und Kalzium-Richtwerte von 1997 bei The Institute of Medicine (IoM), Food and Nutrition Board (FNB) in Auftrag gegeben und die Ergebnisse  heute veröffentlicht. Wie erwartet wurden die Empfehlungen und Grenzwerte deutlich erhöht – bei fast allen Altersgruppen auf einen Mindestwert von 400 und eine empfohlene tägliche Vitamin D-Aufnahme von mindestens 600 und höchstens (oberer Grenzwert) von 4.000 Internationalen Einheiten (IE).

Damit bleibt das IoM aber immer noch deutlich unter Empfehlungen vieler Wissenschaftler, die von mindestens 1.000 IE, unter bestimmten Umständen aber einer wesentlich höhere Zufuhr ausgehen.

Die Begründung der IOM-Experten: Für den Knochenstoffwechsel reichten die empfohlenen Werte aus. Alle anderen positiven Gesundheitswirkungen seien noch nicht ausreichend in klinischen Studien belegt. Tatsächlich ignoriert die Kommission weitgehend die tausenden von Studien zu Vitamin D und seiner Bedeutung für eine Fülle vor allem chronischer und sogenannte “Volkskrankheiten”.

Die Empfehlungen und Grenzwerte beziehen sich auf die Vitamin D-Aufnahme über die natürliche Vitamin D-Synthese durch UVB-Strahlen auf der Haut hinaus – bei Annahme von nur geringem Aufenthalt an der Sonne.  Nur bei dieser Annahme sind solche Angaben von Standardwerten möglich. Regelmäßiger Aufenthalt an der Sonne oder auf der Sonnenbank senken die empfohlene Zufuhr von Vitmain D über Ernährung oder Nahrungsergänzung entsprechend, ggf. bis auf Null.

Schon ein Sonnenbad von 10-20 Minuten (je nach Hauttyp) im Sommer mit bloßem Oberkörper “produziert” etwa 20.000 IE, also eine Dosis für mehr als eine Woche. Regelmäßiges Sonnen auf einer Sonnenbank mit ausreichend UVB-Anteilen im Strahlenmix bildet ausreichend Vitamin D – auch im “Vitamin D-Winter”, wenn die Natursonne nicht mehr die Kraft hat, die Vitamin D-Synthese in der Haut anzustoßen.

Heftige Kritik an undifferenzierten IoM-Aussagen (01.12.2010)

Schon am Tag nach Erscheinen der Empfehlungen übt einer der führenden Vitamin D-Forscher, Prof. John J. Cannell, scharfe Kritik an den Aussagen des IOM-Gremiums und droht gar mit rechtlichen Schritten.  An einem typischen Beispiel spitzt Dr. Cannell seine Kritik zu:
Die Kommission hat Millionen schwangerer Frauen heute im Stich gelassen, deren noch ungeborene Kinder den Preis dafür bezahlen werden.

Als Skandal wertet Dr. Cannell die Tatsache, dass sämtliche von externen Experten eingeholten Stellungnahmen der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht wurden. Es besteht kein Zweifel, das ein Großteil dieser Stellungsnahmen zu einem völlig anderen Ergebnis gekommen sei, so Cannell.

Hier der Text des Newsletters.

Auch einige der führenden Vitamin D-Forscher über heftige Kritik (s. unten).

Klammheimliche Freude in einigen Ärztkreisen

Ein Artikel im Deutschen Ärzteblatt lässt deutlich spüren, wie erleichtert offensichtlich manche Ärzte über diesen Versuch des IoM sind, Luft aus dem Vitamin D-Boom zu lassen:
USA: Vitamin D- und Kalzium-Supplemente meist unnötig

Der überdrehte Hype mit verschiedenen Vitaminen in der Vergangenheit und die Rücknahme vieler Erwartungen und Behauptungen hat offensichtlich auch hier Spuren hinterlassen, obwohl es über die relative Mangelsituation bei Vitamin D – im Gegensatz zu allen übrigen 12 Vitaminen – bei den Experten keinen Zweifel gibt.  Eine Rolle spielt sicher auch die über Jahrzehnte eingeübte, reflexartige Distanz zu Sonne und UV-Strahlen und damit in der Übertragung auch gegenüber dem “Sonnenschein-Vitamin”.

Quelle: Pressemeldung IOM

Der Report “Dietary Reference Intakes for Calcium and Vitamin D (2010)” in einer Kurzfassung kann hier heruntergeladen und hier als Ganzes online gelesen werden,

Studie/Bericht: A. Catharine Ross et al., The 2011 Report on Dietary Reference Intakes for Calcium and Vitamin D from the Institute of Medicine: What Clinicians Need to Know, Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, published online November 29, 2010

Kritik an IOM-Richtlinien:
Heaney, R.P., Holick M. F., Why the IOM recommendations for vitamin D are deficient J Bone Miner Res., January 4, 2011, DOI: 10.1002/jbmr.328.

Reid, I. R., Avenell, A. Evidence-based policy on dietary calcium and vitamin D, J Bone Miner Res., January 4, 2011. DOI: 10.1002/jbmr.327.

2 Kommentare zu “Vitamin D-Richtwerte in USA und Kanada erhöht”

  1. [...] zu dem Vitamin D-Gutachten des “Institut of  Medicine (IOM)” angefordert worden waren (wir hatten darüpber berichtet). Keines dieser 15 Papiere wurde zusammen mit den Vitamin D-Empfehlungen durch den FNB [...]

  2. [...] versucht die AAD wie vorher schon das “Institute of Medicine, IOM” (s. hier und hier), sich mit einer interessanten Doppelstrategie aus dieser Zwickmühle zu befreien – [...]

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