Die Ozonloch-Posse

Seit Ende März geisterte die Schreckenmeldung vom nie dagewesen-großen Ozonloch über der Arktis durch sämtliche Medien. Mit jedem Tag wurden die Meldungen schriller und jede Tageszeitung, jedes Magazin beeilte sich, die Konkurrenz mit Horrorszenarien zu überbieten. Wie immer ein gutes Beispiel: BILD

Jetzt kommt per dpa die Entwarnung, bevor in der Tat überhaupt etwas mit der Ozonschicht  in unseren Breiten passiert ist:
Das Anfang März über der Arktis entdeckte Ozonloch in der Stratosphäre füllt sich langsam auf. Für Deutschland und Mitteleuropa bestehe deshalb nur noch eine geringe Wahrscheinlichkeit für eine erhöhte Belastung mit ultravioletten Strahlen, sagte der Atmosphärenphysiker des Bremerhavener Alfred-Wegener-Institutes.”

Tatsächlich aber hatten das Alfred Wegener-Institut und die World Meteorological Organisation (WMO) von Anfang an lediglich auf die Möglichkeit hingewiesen, dass die in diesem Jahr anscheinend besonders ozonarmen Luftschichten irgendwann auch zu uns driften könnten.

Schon damals klang die Meldung aus dem AWI weit unaufgeregter als das Medien-Panik-Orchester: „Die erwartete UV-Intensität während dieser kurzen Episoden liegt dann aber immer noch in dem Bereich, dem wir im Hochsommer ohnehin ausgesetzt sind und weit unterhalb der Werte, die bei Urlaubsreisen in die Tropen auftreten. Übermäßige Sorge ist daher unnötig.”

Gleichzeitig mit diesem Ozon-News-Tsunami und den ersten fast sommerlichen Sonnentagen spülte eine andere, aber thematisch eng verbundene Welle über die deutsche Medienlandschaft: Sonnenschutz per Sonnencreme = gut! Vorbräunen, vor allem im Solarium = böse! (Wir berichteten hier und hier).

Ein kurzer Blick in die Medien-Archive der vergangenen Jahre zeigt den Trend: Kaum schickt der Frühling seine ersten wärmenden Sonnenstrahlen und die Menschen lassen sich aufatmend von der Sonne die Nasen kitzeln, schon setzt der Chor der mahnenden Stimmen ein gegen die Gefahren des Sonnens und zum Segen der chemischen Sonnenschutzmittel.

Man muss dahinter nicht verschwörungstheoretisch die Medienmacht der Kosmetik-Industrie wittern, aber sicher ist dieses alljährliche Ritual für das Geschäft mit den Sonnen-Cremes und -Sprays einschliesslich der chemischen Bräunung ein willkommener, warmer Frühlingsregen für den im Winter ausgetrockneten Sonnen-Kosmetik-Markt. Die Sonnen-und Solarienwarnungen einiger Dermatologen- und Krebsorganisationen profitieren ebenfalls und nutzen diesen Resonanzboden für den alljährlichen Kampagnenwirbel.

Aber zum ersten Mal mischt sich – noch ganz leise – in diesem Jahr ein vorsichtig kritischer Ton in das lautstarke Mediengetöse um die “böse” Sonne und die ständig wachsende Hautkrebsgefahr. Offensichtlich spricht sich nun doch allmählich auch in den Redaktionen herum, was Wissenschaftler schon seit Jahren in zahlreichen Studien belegt haben: Sonnenschutz durch Eincremen schützt nicht vor dem einzigen gefährlichen Hautkrebs, dem Melanom – im Gegenteil.

Dass der chemische Sonnenschutz darüber hinaus auch gesundheitliche Gefahren birgt, wird dabei noch nicht einmal berücksichtigt.

Was am unaufgeregten Ende dieser medialen Aufregung übrigbleibt ist die fast großväterliche Einsicht: Es ist gesund und gleichzeitig der beste Schutz, die “gute” Sonne zu lieben und wo immer möglich zu genießen – aber wie alles Gute: in Maßen und mit Vernunft.

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben