Sonnenschutz und Melanom

Schützt Sonnencreme wirklich auch vor Melanom? Foto: Fotolia

Seit Jahren gibt es einen merkwürdigen Widerspruch zwischen den Ergebnissen wissenschaftlicher Studien über die Wirksamkeit von Sonnenschutzmitteln bei der Vorbeugung vor dem “schwarzen” Hautkrebs, dem Melanom, einerseits und den stereotyp wiederholten Behauptungen von Redaktionen und “Experten” in den Medien.

Während Studie nach Studie zu dem Schluss kamen, dass das Eincremen mit Sonnenschutzmitteln als Melanom-Schutz mindestens wirkungslos, häufig aber konterproduktiv sei, gab es in den Medien eine Art Überbietungswettbewerb bei den Empfehlungen für das Rundum-Eincremen mit immer höheren Lichtschutzfaktoren für die Hautkrebs-Prävention. (Nur gelegentlich wurde schüchtern darauf hingewiesen, dass ein LSF jenseits der 30 keinen zusätzlichen Schutz biete).

Den Widerspruch zwischen Sonnenschutz und “Melanom-Schutz” erklärten sich die Wissenschaftler in der Regel mit den unzureichenden Eincreme-Praktiken der Durchschnittsbürger und der falschen Sicherheit, die die hohen Lichtschutzfaktoren suggerierten.

Über einige dieser Studien haben wir hier, hier, hier und hier berichtet.

Mit diesem Stand der Dinge konnte zwar nicht der getäuschte Verbraucher, wohl aber die Kosmetik-Industrie recht gut leben. Dennoch wurde eine aktuelle Studie von Industrie und Medien freudig begrüßt, die endlich nachzuweisen schien, dass – vermutlich durch die Fortschritte in der Entwicklung neuer Sonnenschutzmittel – das Eincremen doch eine Schutzwirkung nicht nur gegen den “weissen” sondern auch gegen den gefährlichen “schwarzen” Hautkrebs haben könnte.

Diese Studie mit Teilnehmern aus einer Stadt in Australien hatte der einen Hälfte der Probanden in aufwändigen “Lehrgängen” das tägliche Eincremen beigebrachte und sie verpflichtet,  das auch täglich zu besorgen und ihnen die Sonnenschutzmittel geschenkt. Der anderen Hälfte der Teilnehmer wurde anheim gestellt, sich nach Belieben einzucremen – oder auch nicht. Nach 10 Jahren stellten die Forscher fest, dass in der Hälfte der “Eincremer” nur 11 Melanoma-Fälle registriert wurden, in der anderen Gruppe aber doppelt so viele, nämlich 22 Fälle.

Abgesehen von der etwas schütteren statistischen Basis (die Forscher selbst hatten das Ergebnis als gerade noch statistisch relevant qualifiziert) schien dieses Ergebnis zum ersten Mal die Schutzwirkung gegen Melanome zu belegen. Kaum aber war die Studie erschienen, schon gossen aufmerksame Kritiker Wasser in den Wein und verwiesen auf eine ganze Serie von methodischen Besonderheiten.

So war ursprünglich das Studiendesign garnicht auf den “schwarzen” sondern nur auf den “weissen” Hautkrebs ausgerichtet und wurde im nachhinein für das Melanom “nachgerüstet”. Bedeutsamer aber noch die Entscheidung der Forscher, das Auftreten von Melanoma schon nach dem ersten Jahr in die Untersuchung mit einzubeziehen, obwohl sich die unterschiedliche Nutzung von Sonnenschutzmitteln zu dieser Zeit noch garnicht im Auftreten des Hautkrebses bemerkbar machen können. Die Entstehungszeit (Inkubationszeit) des Melanoms ist um ein vielfaches länger.

Tatsächlich zeigte sich bei der Neuanalyse der Daten, dass es überhaupt keinen Unterschied zwischen den beiden Untersuchungsgruppen mehr gab, wenn man die Melanom-Fälle der ersten vier Jahre nicht berücksichtigte – Melanom-Fälle also, die ihren Ursprung deutlich vor Beginn der Studie haben musste.

Diese und andere Einwände gegen die Studie müssen noch ergänzt werden durch die Überlegung, dass in der Gruppe der regelmäßigen “Eincremer” die Bildung von Vitamin D durch die Sonneneinstrahlung fast gänzlich verhindert wurde. Die gesundheitlichen Schäden, die auf diese Weise für die Menschen in dieser Gruppe entstanden sind, tauchen weder in der Studie selbst noch in den Argumenten der Kritik auf. Ihre Bedeutung aber ist in den vergangenen Jahren immer stärker in den Blickpunkt der Forschung gerückte (ein Beispiel hier).

Quelle: Newswise/Eurekalert(Science Daily

Studie: Green AC, Williams GM, Logan V, et al: Reduced melanoma after regular sunscreen use: Randomized trial follow-up. Journal of Clinical Oncology, 29:257-263, 2011

Kritischer Kommentar: Michael A. Goldenhersh, Meni Koslowsky, Increased Melanoma After Regular
Sunscreen Use?
Journal of Clinical Oncology, 29/18, 20.Juni 2011

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