Sonne schöpfen

Für die ausreichende Beschaffung von Vitamin D nimmt die Natur andere Gesundheitsrisiken in Kauf.

Die Natur  hat über zig-tausende von Jahren immer wieder dafür gesorgt, dass die Menschen auf natürliche Weise genügend Sonne aufnehmen und ausreichend Vitamin D über die Haut im Körper für ihr Überleben bilden können.

So wurde zum Beispiel ein großer Teil der Zellen im menschlichen Körper von ihr mit “Vitamin D-Rezeptoren” ausgestattet, eine Art Empfangskomitees und Begleitservices, die das “Sonnenschein-Vitamin” oder besser: “Sonnen-Hormon” in die Zellen transportieren. Dort wird es für eine Fülle von Steuerungsfunktionen gebraucht, ohne die der Mensch auf Dauer nicht überleben könnte.

Sonnenschutz im Süden, Vitamin D-Bremse im Norden – Die Evolution regelt die Pigmentierung

Ein anderes Beispiel ist die allmähliche Aufhellung der Haut bei den Menschen, die im Verlauf der Menschheitsgeschichte immer weiter in den sonnen-armen Norden einwanderten. Die dunklen Hautpigmente schützten im sonnigen Süden die menschlichen Zellen wie ein natürlicher Sonnenschirm vor der “Verbrennung” durch die intensive UV-Strahlung. Im Norden dagegen verhinderten diese “Sonnenschirme” die Bildung des lebenswichtigen Vitamin D. Nur die Menschen mit geringerem Sonnenschutz durch die dunklen Pigmente, also hellerer Haut, überlebten in nördlichen Gefilden. Die “Natur” nahm dabei schlicht in Kauf, dass diese weissen Nordlichter in besonders sonnigen Sommern durchaus auch durch die Sonnenstrahlen Schaden nehmen konnten. Das Sonnenschein-Vitamin war ihr für das Überleben der Menschen “wichtiger” als der Sonnenschutz durch die dunklere Hautfarbe.

Ganz ähnlich offensichtlich das Kalkül der Natur bei der Wahl zwischen den gesundheitsgefährdenden Wirkungen eines bestimmten Gens und der positiven Rolle dieses selben Gens für die “Beschaffung” von ausreichendem Vitamin D, einem Kalküls, dem jetzt Kieler Wissenschaftler nachgehen.

APOE4 – Vitamin D-Versorgung vs. Alterskrankeiten

Dabei handelt es sich um das Gen APOE, das beim Menschen in vier Varianten vorkommt. Vor allem das  APOE4 gab den Wissenschaftlern bisher Rätsel auf. “Wir stellten uns die Frage, warum APOE4 trotz der negativen Wirkungen auf Gesundheit und langes Leben dennoch existiert und nicht im Laufe der Evolution selektiert wurde,“ meint Almut Nebel, Mitglied der Forschungsgruppe an der Universität Kiel.

Denn zum einen scheint dieses Gen  Alzheimer und bestimmte Herz-Kreislauferkrankungen zu befördern, andererseits aber spielt das Gen offensichtlich eine wichtige Rolle bei der Bildung und dem Stoffwechsel von Vitamin D. Menschen mit dem Gen APOE4 haben, so konnten die Forscher zeigen, einen wesentlich höheren Vitamin D-Spiegel als die Träger des Gen APOE1-3.

In südlichen Ländern, wo ausreichend Sonne für eine angemessene Versorgung mit dem Sonnen-Hormon sorgt, kommt dieses Gen in der “Bauserie APOE 1-4″ kaum vor. In den nördlichen Ländern aber stellt es einen erheblichen Teil der APOE-Ausstattung der Menschen dar.

Trotz seiner bedrohlichen Eigenschaften (Demenz, Herzkrankheiten) hat die “Natur” also dieses Gen nicht “aus dem Verkehr gezogen”, sondern benutzt es in den sonnen-schwachen Nordländern für die Vitamin D-Beschaffung. In diesem Fall also ist das der “Mutter Natur” wichtiger als die negativen Folgen.

Die Kieler Wissenschaftler haben dafür eine Erklärung parat, die typisch für das “kühle Abwägen” der Natur/der Evolution sein könnte:
Da die von APOE4 beeinflussten Krankheiten ganz überwiegend nur ältere Menschen treffen, das Vitamin D aber für die Gesundheit und damit die Fortpflanzungsfähigkeit der jüngeren Altersgruppen notwendig ist, ist der “Natur” die Rolle bei der Beschaffung von Vitamin D wichtiger, als die Gefahrenabwehr gegen die Alterskrankheiten. Das Gen APOE4 darf also bleiben – sozusagen.

Ob und wie diese Erkenntnisse von der Wissenschaft genutzt werden können, um in diese Bilanz der Natur einzugreifen und das Ziel einer optimalen Vitmin D-Versorgung ohne die Folgen von Demenz und Herzinfarkt zu erreichen, bleibt vorerst offen.  Die Forscher am “Excellenzcluster Entszündungsforschung” der Universität Kiel stehen da erst am Anfang. Es bleibt spannend.

Quelle: idw

Studie:  Patricia Huebbe et al., APOE ε4 is associated with higher vitamin D levels in targeted replacement mice and humansFASEB, Juni 2011, vorab online publiziert

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