Melanmom bie jungen, wohlhabenden Frauen

Jung und reich: Melanom-Gefahr

Wohlhabende junge Frauen erkranken häufiger am “schwarzen Hautkrebs”, dem malignen Melanom,  als ihre ärmeren Altersgenossinnen. Eine aktuelle Studie aus dem sonnigen Kalifornien bestätigt dieses überraschende Ergebnis früherer Untersuchungen (wir haben darüber hier, hier und hier berichtet).

Über die Gründe für dieses Phänomen wird auch von den Autoren der Studien viel spekuliert.  Zumeist wird dann die Sonne (ersatzweise das Solarium) als der Bösewicht ausgemacht. Die völlig ungeprüfte Behauptung: die Oberschichten hätten mehr Freizeit und verbrächten diese Zeit vor allem an der Sonne oder auf der Sonnenbank.

Die jetzt erschienene Studie vom Cancer Prevention Institute of California versucht nun, diese Vermutung zu erhärten – und scheitert. Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Sonnen-Exposition, Melanom und sozialer Schicht lässt sich nicht nachweisen.

Die Forscher hatten die Melanom-Daten von 3.800 Mädchen und Frauen im Alter zwischen  15 und 39 Jahren aus dem kalifornischen Krebsregister der Jahre 1988 – 92 und 1998 – 2002 nach sozialem Status und nach Länge und Intensität des Aufenthalts an der Sonne analysiert. Dabei wurden sozialer Status und Aufenthalt an der Sonne nach kleinen Wohngebieten bestimmt.

Es stellte sich heraus, dass in der Tat die Frauen aus den “reicheren” Wohngebieten häufiger an “schwarzem” Hautkrebs, dem Melanom, erkrankten. Die starke Zunahme der Melanom-Fälle  bei jungen Frauen in den letzten 30 Jahren beschränkt sich tatsächlich fast ausschiesslich auf die oberen sozialen Schichten.

Einen Zusammenhang zwischen den sonnenreichen und den sonnenarmen Gebieten allerdings fanden die Forscher nur in den beiden obersten, nicht aber in den übrigen sozialen Schichten.

Damit hat sich die Erklärung: Mehr Sonne = mehr Melanom nicht bestätigt.

Was also ist tatsächlich der Grund dafür, dass reichere Frauen häufiger an einem Melanom erkranken als Frauen in mittleren oder einfacheren sozialen Verhältnissen?

Eine andere, gleichzeitig erschienene Studie über die Entwicklung der Hautkrebs-Fälle bei jungen Männern und Frauen in den USA gibt hier einigen Aufschluss. Nach einem steilen Anstieg der Hautkrebsfälle (Melanom) in den 70ger Jahren des vorigen Jahrhunderts flachte die Kurve in den darauf folgenden Jahrzenten deutlich ab – vor allem bei den Männern – während die Zahlen bei den Frauen in den 90ger Jahren wieder steiler anstiegen.

Gleichzeitig aber gingen die Todesfälle kontinuierlich zurück. Immer mehr Melanom-Fälle führten zu immer weniger Todesfällen. Und hier sind es vor allem die reicheren Frauen, die immer seltener an einem Melanom sterben. Bei den ärmeren Schichten entwickelt sich dieser Trend sehr viel langsamer.  Ähnliche Trends, zumal für die Frauen, lassen sich auch in Deutschland feststellen.

Die Gründe für diese widersprüchliche Entwicklung liegen auf der Hand und werden auch von den Autoren erwähnt:

  1. In den Anfangsjahren der Krebsregister wurden deutlich weniger Melanom-Fälle gemeldet, einfach weil sich weniger Ärzte und Kliniken beteiligten. Je flächendeckender im Verlauf der Zeit die Meldungen wurden, desto steiler der Anstieg der Melanom-Statistik. Mit der Wirklichkeit hatte das nur sehr begrenzt zu tun.
  2. Über die Jahrzehnte stieg in der Bevölkerung vor allem durch die Kampagnen der Dermatologen und Krebsorganisationen die Angst vor dem Hautkrebs und damit die Untersuchungen bei Haus- und Hautärzten. Mit dem (erwünschten) Ergebnis, dass der Hautkrebs sehr viel früher erkannt und behandelt wurde. In der Tat zeigen Studien, dass der Anstieg der Melanom-Statistiken (fast) ausschliesslich auf das Konto der “frühen”, flachen und lokal begrenzten Melanome geht. Das lässt logischerweise die Kurve der Melanom-Statistiken ansteigen und die Sterberate absinken.
  3. In Deutschland gipfelte diese Entwicklung in dem flächendeckenen Hautkrebs-Screening vor allem durch Hausärzte und dann durch Dermatologen.  Das brachte wiederum einen Schub in den  (erwünschten) Frühdiagnosen, aber auch einen beträchtlichen Anstieg der (unerwünschten) Fehldiagnosen, die die Statistik der Melanom-Fälle beträchtlich aufblähen, aber die Rate der Sterbefälle (Verhältnis von gemeldeten Hautkrebsfällen zu Sterbefällen) natürlich tententiell sinken lässt. Gerade das flächendeckende Hautkrebsscreening provoziert das Problem der sogenannten “Überdiagnose”.

Trotz dieser rein “statistischen” Erklärung für die ansteigenden Kurven in der Hautkrebsstatistik (“statistical drift”) bleibt noch Raum für die Vermutung, dass auch die UV-Strahlen vor allem der Sonne und in minimalem Umfang auch der Sonnenbänke, durch das veränderte Verhalten der Menschen an der Sonne und die steile “Karriere” der Sonnenbänke in den 80ger und 90ger Jahre des vorigen Jahrhunderts einen gewissen Anteil an dieser Entwicklung gehabt haben könnte.

Und hier hat sich in den wissenschaftlichen Untersuchungen der vergangenen 10-20 Jahre eine wichtige Unterscheidung durchgesetzt: In immer neuen Studien konnte nachgewiesen werden, dass nicht die UV-Strahlen an sich, sondern die Art des Umgangs mit diesen Strahlen für die Melanom-Bildung verantwortlich ist. Es zeigte sich, dass eine regelmäßige, kontinuierliche Besonnung nicht zur Erhöhung der Melanom-Gefahr führte, sondern diese Gefahr tendentiell eher senkte, während die abrupte, unvorbereitete Besonnung, möglicherweise noch mit einem Sonnenbrand, das Melanom-Risiko deutlich erhöhte.

Warum also das erhöhte Melanom-Risiko der wohlhabenden Frauen vor diesem Hintergrund?

Der Hautpgrund ist sicher die (vor allem auch in den USA) deutlich bessere medizinische Versorgung der oberen sozialen Schichten und gleichzeitig die deutlich stärkere Wirkung von Gesundheitskampagnen bei den besser Gebildeten. Zusammen haben sie die gleiche Wirkung wie ein flächendeckendes Screening ausschliesslich für die Wohlhabenden: Häufigere Diagnose von Melanomen im Frühstadium verbunden mit einer beträchtlichen “Überdiagnose” von nicht behandlungsbedürftigen Hautveränderungen.

Auch das Verhalten an der Sonne unterscheidet sich deutlich zwischen den sozialen Schichten: In den unteren Schichten ist die Arbeit im Freien und damit der kontinuierliche Aufenhalt an der Sonne weit verbreitet, während in den oberen Schichten die Arbeit in geschlossenen Räumen über den gesamten Tag hinweg die Regel ist – mit gelegentlichen “Ausflügen” an die Sonne. Das gilt vor allem auch für die Jugendlichen, die sich Ferien am Strand leisten können – und sich dabei regelmäßig, oft mehrfach, die Haut verbrennen. (In den Winter-Semesterferien z.B. gibt es in den USA eine Art “Völkerwanderung” betuchter College-Kids an die sonnigen Strände Floridas).

Diese Kombination also aus rein statistischen Effekten (“statistical drift“) und Oberschicht-typischem Sonnen-Missbrauch erklärt das merkwürdige Phänomen der deutlich erhöhten Melanom-Gefährdung  für wohlhabende Frauen.

Quelle: Eurekalert/Reuters Health/UPI

Studien:
Amelia K. Hausauer, et al., Increases in Melanoma Among Adolescent Girls and Young Women in California – Trends by Socioeconomic Status and UV Radiation Exposure, Arch Dermatol. 2011;147/7, 783-789

Mark P. Purdue et al., Recent trends in incidence of cutaneous melanoma among U.S. Caucasian young adults, J Invest Dermatol. 2008 December ; 128(12): 2905–2908.

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